Neue Horizonte – SUPERWILDVISION

Steinbock Zillertaler Alpen © Irene Müller 2019

Eine Ausstellung in einer Schlosserei. Es ist kein gewöhnlicher Ort, und keine gewöhnliche Schlosserei. Thomas Hagenlocher wählte vor dreißig Jahren als Firmendomizil eine ehemalige Etuifabrik im beschaulichen Würmtal.  

So außergewöhnlich wie der Ort, so außergewöhnlich war auch die Idee von Thomas Hagenlocher zum 30. Firmenjubiläum Irene Müller für eine Ausstellung auf dem Anwesen zu beauftragen. 

Richtig gelesen! Konzeption, Aufbau, Einladungen und Durchführung der Ausstellung mit Bildern und Videos von Irene Müller wurden von Thomas Hagenlocher in Auftrag gegeben und auch entsprechend honoriert. Ausgeführt vom Team Müller & Sohn.

Das Firmenjubiläum war eine geschlossene Veranstaltung. Da die Begeisterung der Gäste groß war, entschieden sich der Schlosser und die Künstlerin die Ausstellung an drei weiteren Wochenenden der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – und zwar and den Sonntagen 10., 17. und 24. November jeweils von 14.00 bis 18.00 Uhr. 

Neue Horizonte hat Irene Müller in ihrem Soloprojekt SUPERWILDVISION erschlossen. Nachdem sie vor 5 Jahren mit ihrem Experimentierfeld Schwarzwald begann, nimmt sie uns diesmal mit in die Weiten Namibias und die Höhen der Alpen. SUPERWILDVISION hat den Charakter eines Forschungsprojektes, das sich an der Schnittstelle von Kunstwahrnehmung bei Tieren und intermediärer Gestaltung bewegt. In der Ausstellung sind malerische Umsetzungen zu sehen, als auch atemberaubende dokumentarische Filme und Fotos.

Ausstellungsort:
Schlosserei Thomas Hagenlocher
Würmtalstrasse 95, 75242 Neuhausen, 1. Stock

Öffnungszeiten:
Sonntag, 10 . November 2019, 14:00 – 18:00 Uhr
Sonntag, 17 . November 2019, 14:00 – 18:00 Uhr
Sonntag, 24 . November 2019, 14:00 – 18:00 Uhr

„könnte aber doch“

(aktualisierter Titel) 
Titelbild: Müller & Sohn aus der Perspektive eines Fundstückes.

Ausstellung der Künstlermitglieder

Öffnungszeiten:

MontagGeschlossen
Dienstag11:00–18:00
Mittwoch11:00–20:00
Donnerstag11:00–18:00
Freitag11:00–18:00
Samstag11:00–18:00
Sonntag11:00–18:00

Müller & Sohn werden in der Ausstellung vertreten sein.

Thema

Die Gegenwart ist immer schon Vergangenheit. Sie wird kollektiv und zugleich persönlich erlebt. Sie manifestiert sich durch die Handlungen in einem öffentlichen wie privaten, politischen wie poetischen, messbaren wie gefühlten Hier und Jetzt. Die Gegenwart ist, wenn sie als vermeintlich objektive Vergangenheit – wie beispielsweise in der Geschichtsschreibung – zu Tage tritt, vom Realismus der „harten“ Fakten geprägt. Das auch Geschichtsschreibung nur eine Erzählung ist, die weder faktisch noch allumfassend, sondern vielmehr ideologisch, durch Herrschaftsverhältnisse, dominante Interessen und gleichermaßen subjektive wie ästhetische Sprachformen* geprägt ist, wird oftmals ignoriert. Gegenwart ist überdies immer auch das Zukünftige. Und je mehr sie zu immer kleineren Zeiteinheiten, die wir Fortschritt und/oder Wachstum nennen, schrumpft, desto mehr scheint sich der Horizont über dem, was war und dem, was kommt, zu verdunkeln: denken wir allein an die Verschiebungen des globalen Klimas. Nichts, was ist oder war, ist jedoch notwendig so, wie es ist oder war. Es könnte auch ganz anders (gewesen) sein. 
„Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben“, schreibt Robert Musil in Mann ohne Eigenschaften (1930) und fasst dies wie folgt zusammen: 
„Wer ihn [den Möglichkeitssinn] besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“
Der Konjunktiv „könnte aber doch“ reißt eine ebenso schöpferische wie kritische Lücke ind das Gegenwärtige, eine Lücke, die das Gewesene mit dem Kommenden verkoppelt, also mit einer Zukunft, von der wir noch gar nichts wissen können. 
Die Fridays for Future-Demonstrationen werden von einer Generation getragen, der es, so wird es von den Älteren oftmals kolportiert, angeblich an Lebenserfahrung fehlt. Was diese jungen Menschen ein- und zurückfordern, ist eine Zukunft, eine noch kommende Lebenserfahrung, die ihnen derzeit entzogen wird. Sie klagen eine Generation an, die sich trotz oder wegen ihres kritischen Denkens an jene ökonomischen, industriellen, militärischen und politischen Verhältnisse gewöhnt und angepasst hat, die jede zukünftige Lebensgrundlage gänzlich zu zerstören vermögen. Den Möglichkeitssinn, der uns Dank dieses Aufstands entgegenschlägt, zielt auf den Bruch mit dem scheinbar Faktischen und auf die Forderung, „alles was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“
Was tun? Die Kunst hält viele Beispiele parat, die auf kritische, ironische, poetische, politische und/oder aktivistische Weise alternative Weltmodelle entwerfen, in denen Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen als Möglichkeit neu erfunden werden. Die diesjährige Ausstellung der Künstlermitglieder des Württembergischen Kunstvereins möchte diesem Potenzial nachspüren und bittet daher bis zum 30. Juni 2019 (Poststempel) um entsprechende Einreichungen. Gefragt sind Arbeiten, die auf verschiedenste Weise und mit unterschiedlichsten Mitteln darum kreisen, wie das, was ist oder war, auch anders sein könnte. 
*Der US-amerikanische Historiker Hayden White hat die Geschichtsschreibung als eine literarische Gattung analysiert und sie nach den rhetorischen Figuren der Metapher, Metonymie, Synekdoch und Ironie unterteilt. Siehe: Hayden White, Metahistory: Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Frankfurt am Main 1991 (Original: 1973). 
WKV Stuttgart